Als Vorstände der DGfbL • Deutsche Gesellschaft
für berufliches Lesen e.V. regen wir an, den unter »www.beruflicheslesen.de« ausführlich
beschriebenen ehrenamtlichen Dienst dieser gemeinnützigen Gesellschaft zur
Pflege und Förderung beruflichen Lesens zu nutzen.
Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann,
Brückenstraße 32, 51570 Windeck (Sieg),
Telefon 02292/1613
|
Zu den Chancen und Risiken, das Lesen im
Beruf zu beschleunigen, ist in der Zeitschrift
»Psychologie heute« im November 1999, Seite 31 - 36, der folgende Beitrag erschienen, den wir Ihrer freundlichen
Aufmerksamkeit empfehlen:
Informationsflut: »Lies mal schnell!«
Von Frank Rosenbauer M.A., Budapest
Der Autor
Frank Rosenbauer M.A., Journalist DJV, recherchierte über viele Jahre hinweg das von den Eheleuten Michelmann
seit mehr als 30 Jahren gelehrte »Schnell-Lesen«, das »Turbo-Lesen«. Frank Rosenbauer ist Gründungsmitglied der »DGfbL •
Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen e.V.«. Zweck des gemeinnützigen Vereins ist es, die Grundlagen und Neuerungen
beruflichen Lesens zu erforschen und durch wissenschaftliche Arbeit unter anderem den Widerspruch aufzulösen, gegenwärtig
sei das schnelle Lesen theoretisch so unmöglich wie praktisch geläufig. Der Autor veröffentlichte Aufsätze zur Leseoptimierung und
Innovation beruflichen Lesens in europäischen Printmedien. Er erstellte und pflegt eine Linkliste zu dem Thema
»Schneller lesen« auf der Startseite seines Internetaufritts »www.rosenbauer.de«. Die vollständige Veröffentlichung
dieses Aufsatzes an diesem Ort geschieht mit freundlicher Genehmigung des Autors.
»Wann soll ich das alles lesen!?«
In der Informationsgesellschaft ist dies ein häufig zu hörender Seufzer.
Je mehr der Stapel an Ungelesenem wächst, desto größer wird auch das schlechte Gewissen. Man müßte schneller lesen
können! Das kann man lernen – vorausgesetzt, man findet die richtigen Methoden.
Eine große amerikanische
Managementzeitschrift berichtete kürzlich, Arbeitszeit bestehe mittlerweile zur Hälfte aus Lesen. Nicht nur Briefe,
Memos, Berichte, Gutachten wollen gelesen werden. Weil Fachwissen immer schneller altert, fällt auch immer mehr
Lektüre für die Weiterbildung an.
Online-Medien verstärken die Anforderungen: Immer mehr Informationen sind immer schneller verfügbar. Allein im
Internet stehen derzeit etwa sechstausend Milliarden Buchstaben zum Abruf bereit. Und wo man früher zum Telefonhörer
griff, liest man heute auf dem Bildschirm: Kommunikation passiert vermehrt mit E-Mails — auch die wollen gelesen
sein.
Der Wunsch nach einem schnelleren Lesen wird also stetig dringender. »Der Lesedruck steigt«, bilanzieren auch
Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann aus
Windeck an der Sieg, die seit zwanzig Jahren ((im Jahr 1999)) beruflich motivierte Leser darin beraten, ihr Arbeitswerkzeug Lesen
effizienter und schneller zu gestalten. Ihre unzähligen Gespräche mit »Berufslesern« fassen sie in eine
niederschmetternde Bestandsaufnahme: »Manche Führungskräfte lesen gar nicht mehr. Oder ihre Fertigkeit ist durch
den ständigen Leseleistungsdruck gestört.« Walter Uwe Michelmann konstatiert »einen funktionalen Analphabetismus
in Chefetagen«.
Deshalb haben die Michelmanns die Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen gegründet, als Forum für alle
Berufsleser. Die Schirmherrschaft übernahm ihr ehemaliger »Leseschüler« Bernhard Jagoda. Der Präsident der
Bundesanstalt für Arbeit betont: »Schnelles Aufnehmen von Informationen muß gepflegt werden.« Die Gesellschaft
wolle dafür werben, daß die Berufsleser vor den Buchstabenbergen »nicht an einer Grenze angelangt sind,
sondern daß wir diesen Raum der Informationsaufnahme richtig strukturieren und gestalten müssen«. Aber wie?
Wer sein Lesetempo ganz enorm steigern will, muß eine ganz neue Art von Lesen lernen. Einschlägige Bücher,
Seminare und Programme werden seit Jahrzehnten offeriert. Vieles rekurriert auf die 50er Jahre, auf ein System
der Amerikanerin Evelyn Wood. Ihr Reading Dynamics versprach drei- bis vierfaches Tempo und verbreitete
sich in Schulen und Universitäten, dann in Firmen und Behörden. Eine halbe Million Menschen lernten
die Methode, berichtete DER SPIEGEL vor 30 Jahren ((im Jahr 1969)), als die Wood-Methode auch nach Deutschland kam.
Wissenschaftler stützten zunächst die Erfolgsmeldungen der Anwender – befanden jedoch in den achtziger Jahren,
Speed-Reading à la Wood bringe zwar mehr Tempo, aber weniger Verstehen. Ob das stimmt, müsse weiter erforscht
werden, fassen die Kognitionspsychologen Geoffrey Underwood und
Vivienne Batt (Nottingham) neuere Untersuchungen zusammen. Der aktuelle Tenor: Einige lernen es,
andere nicht.
Die meisten Konzepte des »Flächenlesens« gehen davon aus, daß unser Gehirn imstande ist, ganze Wortflächen zu
verarbeiten. Die einzelnen Wörter sollen zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt werden. Wie Pinselstriche
zu einem Bild. Außerdem wollen sie das innere Mitsprechen beim Lesen abschalten, das zeitraubende Vertonen der
Schriftzeichen.
So soll Text rein optisch aufgenommen werden. Der »direkte visuelle Zugang« – auch eine Hypothese in der
Leseforschung, die noch einiges zu diskutieren hat: Wie groß ist die Aufnahmefläche beim Lesen? Wie werden die
Augen beim Lesen überhaupt durch den Text gesteuert?
Derweil sind weitere Schnellese-Methoden aufgetaucht. Die kommen meist viel spektakulärer als Wood daher,
versprechen bis zu zighundertfach höhere Lesegeschwindigkeiten, benutzen moderne Vokabeln wie Scannen —
und wollen auch schon mal Gehirnwellen verändern.
Teils muten sie regelrecht kurios an. So gibt es Computerprogramme, die wenig Temposteigerung versprechen,
aber zeitgemäß auftreten: Sie nehmen einen Text auseinander und projizieren ihn schnell, Wort für Wort,
in großen bunten Buchstaben auf den Bildschirm. Bald brennen die Augen, der Kopf brummt –
und im Widerschein des wilden Geflackers denkt man: Das muß die Lesehölle sein.
Schnellerlesen-Angebote sollten kritisch geprüft werden. Weil man bekanntlich kaum wissen kann,
was genau im Kopf passiert, lautet die einfachste Testfrage: Sind zumindest allgemein bekannte
physiologische Gegebenheiten berücksichtigt?
Eine immer wiederkehrende Behauptung beispielsweise lautet, man könne durch Augenübungen »breiter«
blicken lernen und so mehr Text mit einem Mal erfassen (»peripheres Lesen«, »Blickspannen-Erweiterung»).
Könnte man allerdings mit Übungen die Natur des Auges ändern, wären Optiker bald pleite: Brillen und
Kontaktlinsen würden überflüssig.
Eine andere Methode des »fotografischen« Lesens behauptet, jeder Text sei in Wahrheit ein 3-D-Bild.
Durch Hindurchschauen, wie mit dem »magischen Auge«, würde das offenbar. Nun sind Texte eher selten als
Stereogramme gestaltet. Die Methode hat dafür Lösungen parat: Konzentration, Meditation – und Motivation.
Dazu: eine gute Portion Glauben. Das soll den unscharfen Input in einen scharfen Output verwandeln, irgendwann.
Schnellese-Methoden
können gefährlich sein
Was ist mit Versuchen, die Augen in speziellen Weisen willentlich durch den Text zu steuern? Grundsätzlich gilt:
Blicksprünge beim Lesen (Saccaden) lassen sich nicht willkürlich steuern. Lesen ist zu weiten Teilen ein
automatischer Prozeß.
Schnellese-Methoden können schließlich regelrecht gefährlich sein. Immerhin wollen sie die gewohnte Leseart ändern.
»Ein Versuch, das in der Grundschule erlernte Lesen zu verändern, ist quasi ein Eingriff in den Kopf« berichtet
Walter Uwe Michelmann.
Es sei riskant, so etwas im Selbstversuch zu probieren oder gruppendynamischen Nebenwirkungen auszusetzen.
Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann haben deshalb ihre eigene Methode, auf den Wood-Techniken
gründend, schon lange vom Gruppenseminar auf ein persönliches Einzeltraining umgestellt, das Monate dauert.
»Damit es zuverlässig funktioniert, ist dieser Aufwand notwendig. Aber er rechnet sich nur für wenige — und entlastet
damit nur wenige«, so Michelmann. Eine einfachere Möglichkeit für alle, schneller zu lesen, sei das Anwenden von Techniken
effizienter Lesearbeit.
Das steigert nicht das Lesetempo, macht aber die Lesearbeit schneller. »Für die meisten Lesesituationen
reicht effizientes Lesen völlig aus«, betont Rotraut Hake-Michelmann. Sie hat mit ihrem Mann dazu einen
umfassenden Ratgeber geschrieben, der sogar dem renommierten Kognitionspsychologen Dietrich Dörner ein Lob
entlockte: »Das Buch war mir nützlich.«
Wer seine Lesearbeit sinnvoll optimiert, kann seine Texte schneller bearbeiten. Und das Lesen bleibt so in jedem Falle
unversehrt.
Im einzelnen hat das Konzept des effizienten Lesens folgende Angriffspunkte: Lesen sichern und entstören –
planen und systematisch tun. Sie können dabei Techniken rund um das Lesen kontrolliert anwenden, die Ihnen das Lesen
manchmal sogar ganz ersparen. Wer aus dem Bauch heraus mit Texten hantiert, verliert Zeit. Und wer das Lesen ganz rasch
hinter sich bringen will, blockiert leicht das Verstehen. Sie gewinnen Zeit, wenn Sie Ihre Arbeit vorbereiten. Überlegen Sie,
bevor Sie loslesen: »Was will ich aus dem Text herausholen, was ist mein Leseziel?«
Lassen Sie dieses Ziel während der Lesearbeit nicht aus den Augen. Denn oft läßt sich der Leser von Textstellen
fangen, die wichtig oder interessant sind, was beim Arbeiten daran ein gutes Gefühl generiert – aber dem Ziel
kommt er keinen Schritt näher. Schreiben Sie deshalb Ihr Leseziel auf und legen Sie diese Notiz neben Ihr
Lesematerial. Schauen Sie immer mal wieder darauf und notieren Sie Ihre Zwischenergebnisse.
Am besten gelingen Ihnen die Notizen, wenn Sie Stichworte aufschreiben und grafisch verknüpfen, sich eine Art
»Textbild« machen. Damit strukturieren Sie Ihre Gedanken und Erkenntnisse zum Text, weil Sie diese auf
das Wesentliche reduzieren, auf Schlüsselwörter und Symbole – und diese Bausteine sparsam mit Strichen
und Pfeilen kombinieren.
Das Higlighting-Paradox:
Grelle Neonfarben lenken ab
Bei Ihren Textbildern nutzen Sie Erkenntnisse aus der Leseergonomie. Damit Sie die Bausteine schnell erfassen,
sollten diese in einen Leseblick passen, also kaum größer sein als ein Fünfmarkstück. Und sie dürfen nicht zu
eng nebeneinanderstehen, sondern mindestens den Durchmesser eines Lese-Blicks (etwa drei Zentimeter) voneinander
entfernt.
Benutzen Sie DIN-A4-Blankopapier quer, denn durch Linien vorgegebene Strukturen sperren die Gedanken ein –
und Hochformat verführt zum sturen Auflisten.
Auch wenn Ihnen die Methode als arbeitsintensiv erscheint, unter dem Strich spart sie Zeit.
Ein Textbild herzustellen kostet nur Sekunden. Aufwendiges Gestalten ist sowieso nicht nötig, auch weil nur
Sie selbst Ihr Textbild verstehen müssen.
Kontrollieren Sie so den Fortschritt Ihrer Lesearbeit, können Sie auch besser entscheiden, welche Technik Sie
jeweils als nächste einsetzen. Sie beginnen am besten mit Methoden, die wenig Zeit kosten, wie punktuellem Lesen,
Schlüsselwort-Suchen oder dem »Überblicken mit System«. Bei dieser wirkungsvolleren Art des Querlesens benutzen
Sie einen Reflex aus dem Neandertal: Bewegt sich was, schaut Mensch hin.
Sie können Ihre Augen planvoll durch einen Text führen, indem Sie einen passenden Bewegungsreiz erzeugen:
Sie blättern im Sekundentakt, wobei Ihre Hand stets rechts oben ansetzt. Führen Sie diese dicht über den Text,
nach unten links und wieder zurück. Lassen Sie die Hand gleichförmig schwingen. Wenn Sie ein bißchen üben und
einen Rhythmus finden, folgen Ihre Augen bald wie von selbst. Wichtig: nicht dabei lesen!
So schauen Sie den Text an, zum Beispiel ein Buch mit 240 Seiten, also 120 Doppelseiten, in zwei Minuten:
Sie nehmen einiges systematisch wahr, Ihr Kopf verarbeitet es – und produziert ein Bild des Inhalts.
Und das bekommen Sie auch dann, wenn der Text als »Bleiwüste« wenig Grafiken und dicke Überschriften aufweist.
Doch kontrollieren Sie es selbst: Was Sie erfaßt haben, steht schwarz auf weiß vor Ihnen, wenn Sie
von Ihrem Bild vom Text ein Textbild fertigen.
Suchen Sie eine bestimmte Stelle in einem Text, fällt Ihnen bestimmt ein Wort ein, das an dieser Stelle
stehen könnte. Um dorthin zu gelangen, müssen Sie nicht lesen — nutzen Sie wieder den Hinguckreflex!
Als systematischen Signalgeber für die Augen verwenden Sie jetzt Ihren Zeigefinger. Schwingen Sie ihn
parallel zu den Zeilen, über je drei gleichzeitig. Mit diesem Slalom finden Sie ein bestimmtes Wort,
wenn Sie es sich beim Fingerschwung ständig innerlich vorsprechen. So erzeugen Sie eine Art Klangschablone
in Ihrem Kopf — sobald der Klang zur erblickten Schrift paßt, schnappt die Fingerfalle zu und fängt das
Suchwort ein.
Beim Lesen selbst gilt die goldene Regel: Wenig sofort lesen ist besser als der beste Vorsatz,
später viel zu lesen. Selbst wenn Sie Ihr Lesematerial superordentlich archivieren, in tollen Sammelmappen
und ausgefuchsten Ablagesystemen — am Ende bringt Ihnen das oft nur ein schlechtes Lesegewissen. Seien
wir mal ehrlich: Sammeln soll oft Lesen ersetzen — das dann gerne verschoben wird, aber nie passiert...
Die Archivaraktionen befördern Sie auch geradewegs in Lesezwickmühlen. Je mehr Sie für »später,
wenn ich Zeit zum Lesen habe« sammeln, desto höher steigt Ihr Lesedruck — aber daß sich das Lesen später
überhaupt noch lohnt, wird immer unwahrscheinlicher. Und sicher sein könnten Sie erst, nachdem Sie sich
durch die Textmasse gekämpft hätten — die immer größer und unüberwindbarer wird... Entwirren Sie diesen
»double bind«, gewinnen Sie Zeit: Neue Texte sofort lesesystematisch bearbeiten, gegebenenfalls bestimmte Stellen,
also punktuell lesen. Und dann weg damit.
Zeit sparen Sie auch mit der Devise: Gelesenes senkrecht durchstreichen! Gewöhnen Sie sich an,
beim Lesen einen Bleistift in jene Hand zu nehmen, mit der Sie nicht blättern. Während Sie lesen,
ziehen Sie einen Strich durch den Text — ja, genau: durchstreichen! Und zwar mitten durch die
Spalten nach unten. Unterbrechen Sie Ihre Lesearbeit, können Sie diese später ohne Zeitverlust präzise
wieder aufnehmen. Überdies haben Sie immer im Überblick, was Sie schon bearbeitet haben. Und wird der Text
danach noch mal ohne Striche gebraucht, genügt ein Radiergummi.
Untersuchungen der Augenbewegungen beim Lesen zeigen, daß Leser unterschiedlich lange auf einzelnen
Wörtern verweilen. Automatisch passen Sie Ihre Lesegeschwindigkeit dem Text an. Auf diese Automatik,
die durch viel Lesen ausgefeilter und besser wird, auf dieses »Lesegefühl« sollten Sie vertrauen.
Freilich kann es angebracht sein, einfach mal weiterzulesen, die »wait-and-see-strategy« zu nutzen:
Oft ergeben sich Wörter aus dem Zusammenhang. Aber Sie sollten nicht versuchen, einfach schneller zu lesen.
Abgesehen davon, daß das leider nicht funktioniert: Wer sich beim Lesen antreibt oder antreiben läßt,
braucht nur schneller eine Pause – und liest hastig. Er überliest manches, sein Lesen wird unsicher –
sogar eine Lesestörung kann man sich einhandeln. Das alles drosselt das Tempo. Und vergrößert nur die Zeitnot.
Der nächste Versuch, schneller zu lesen, gerät noch hastiger, und schon ist man mittendrin: im Teufelskreis der Lesehast.
So kann es passieren, daß kaum noch lässig gelesen werden kann. Das Mittel dagegen: die »Lesemechanik«
pflegen. Und das ist einfach: möglichst täglich, je zehn Minuten, sich oder anderen etwas laut vorlesen –
dabei gut artikulieren und versuchen, die richtige Satzmelodie zu treffen. Langsam laut lesen läßt das
leise Lesen auch schneller werden. Denn zügig und zuverlässig lesen Sie nur dann, wenn Ihr Lesegefühl
im Klang gesichert ist.
Wenn Sie still lesen, bewegt sich Ihr Kehlkopf. Sie sprechen innerlich mit, wandeln das Schriftbild
in Wortklänge, um auf Ihr »phonetisches Lexikon« im Kopf zugreifen zu können. Hintergrundmusik sollten
Sie beim Lesen also ausschalten. Nicht nur das Geräusch an sich stört Sie, sondern Melodie und Rhythmus
überlagern Satzmelodie und Sprachrhythmus des Textes.
Einen Satz erfassen Sie auch darüber, ob die Wörter für Sie gut, das heißt vertraut miteinander klingen.
Anders gesagt: Wenn Sie den Satz nicht verstanden haben, so konnten Sie ihn trotzdem lesen. Eine Erklärung
dafür lautet: Sie sind an die Klänge gewöhnt, die diese Wörter miteinander bilden.
Entfernen Sie alles aus dem Gesichtsfeld,
was sich bewegt!
In vertrauten Klangfolgen lesen Sie schneller.
Denn die Klangfolgen können dann unwillkürlich kombiniert und auf einen Blick erfaßt werden:
»Sehr-geehrte«, »wie-telefonisch-vereinbart«, »Mit-freundlichen-Grüßen«... Je bis zu vier
Wörter können verknüpft werden – mehr passen kaum in einen Leseblick. Das durchschnittliche Lesetempo
von 240 Wörtern pro Minute (ein Wort pro Blick) läßt sich also durch viel Lesen steigern.
Wollen Sie was im Text markieren, pappen Sie am besten selbstklebende Notizzettel daran, oder legen Sie
Pappstreifen ein. Die können Sie immer wieder entfernen. Striche aus einem Textmarker aber nicht.
Und von diesem Gerät sollten Sie sich als Leseprofi ohnehin verabschieden. Das Highlighting-Paradox:
Grelle Neonfarben fallen Ihnen in einer grauen Bleiwüste zwar mächtig ins Auge – aber genau
deshalb sollten Sie darauf verzichten. Der Reiz für die Augen ist einfach zu stark. Sie werden reflexartig,
wie magisch angezogen und damit vom Text abgelenkt. Solche Augenfänger sind auch starke Kontraste, wie
sie beim Unterstreichen entstehen. Das reduziert Ihre Leseleistung: Immer wieder werden Ihre Augen
von etwas anderem angelockt.
Das kann auch Bewegung sein. Beim Lesen sehen Sie zwar nur eine kleine Fläche scharf – Bewegung jedoch
registrieren Sie in Ihrem gesamten Gesichtsfeld. Bewegt sich was, schaut man hin: Beim Lesen stört dieser
Reflex, und man bemerkt ihn kaum. Deshalb: Alles aus dem Gesichtsfeld entfernen, was sich bewegt!
Auch wenn der Bildschirmschoner noch so witzig ist: De-aktivieren Sie ihn, wenn Sie neben Ihrem
Monitor lesen müssen.
Ein doppelter Fauxpas ist das, was das Leseleben doch eigentlich so gemütlich macht: der warme Schein
einer Kerze. Machen Sie, was Sie wollen, wenn Sie Gedichte lesen – aber wenn Ihre Lesesituation nicht
von Gemütlichkeit, sondern von Leistungsdruck geprägt ist: Kerze aus, Licht an! Eine flackernde Kerze
erzeugt zuckende Schatten an der Wand. Ihre Augen bemerken die Bewegung unwillkürlich.
Und natürlich brauchen Sie für eine gute Leseleistung genug Licht – zirka 1.000 Lux sollten es sein,
was dem Tageslicht bei bedecktem Himmel entspricht. Aber nicht nur der Platz, an dem Sie lesen, muß
gut beleuchtet sein, sondern auch der restliche Raum. Helle Lampe am Schreibtisch, sonst alles
duster: ein klassischer Lesestörfall. Denn die Augen schauen immer wieder nach, was aus dem Dunkeln kommen
könnte – ebenfalls ein Reflex aus der Urzeit, der uns beim Lesen stört. Und ebenfalls ein Tempostopper,
den Sie leicht beseitigen können.
Literatur
- Rotraut Hake-Michelmann & Walter Uwe Michelmann: Effizient und schneller lesen – mehr Know-how für Zeit-
und Informationsgewinn; mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Dietrich Dörner. Rowohlt, Reinbek 1998
- Klaus Ring, Walter Uwe Michelmann: Schnell-Lesen – Fluch oder Segen? In: Forschung & Lehre 1/1998
- Geoffrey Underwood, Vivienne Batt: Reading and Understanding; an Introduction to the Psychology of Reading.
Blackwell, Oxford 1996
Wer im Beruf viel und gründlich lesen muß, möchte gerne
»schneller lesen«. Von den Möglichkeiten und Grenzen störungsfreier Lesebeschleunigung im Beruf
handeln Aufsätze
von
Rotraut Hake-Michelmann
und
Walter Uwe Michelmann, die zum Beispiel erschienen sind
-
in der Zeitschrift für
kritische Journalisten »MediumMagazin« 1/1998
-
in dem
Verbandsorgan »Der Freie Zahnarzt« 10/1998
-
in der Zeitschrift des Steuerberaterverbandes e.V. »Stbg -
Die Steuerberatung« 11/2002
Aus »Stbg - Die Steuerberatung«;
1999, Nr. 11, die Seiten VIII und X:
Schnell mal lesen: Lesebeschleunigung im Beruf
(...) Berufliches Lesen, die Lesearbeit, kann durch den Einsatz von Strategien effizienten
Lesens (vgl. Beitrag "Effizient lesen: Mit sieben Strategien" im nächsten Heft)
gefahrlos beschleunigt werden. Und auch die Aufnahmegeschwindigkeit, das Lesetempo, kann
mit geeigneten Mitteln erhöht werden: auf das Zehn- bis Vierzigfache der natürlichen
Lesegeschwindigkeit von 240 Wörtern pro Minute (vgl. Bericht von WP/StB Joachim
Barth, seit 1999 Schatzmeister der DGfbL e.V., in Stbg Nr. 8/1999 S. X). (...)
Vorsicht beim Beschleunigen
Wer seine Lesegeschwindigkeit erhöhen will, hört oft, er solle das innere Mitsprechen,
auch Subvokalisieren genannt, unterdrücken. Es bedarf aber dieses Mitschwingens im Klang der Wörter,
damit Text in sprachlicher Reihenfolge sinnvoll aufgenommen werden kann. (...)
Das Lesen pflegen
(...) Zudem läßt langsam laut lesen das leise Lesen auch schneller werden. Denn zügig
und zuverlässig
im Text vorankommen, das vermag nur, wer ein im Klang gesichertes Lesegefühl hat.
Viel lesen macht schnell
Ebenfalls autodidaktisch läßt sich das natürliche Lesetempo sogar bis auf das
Vierfache steigern. Die beste Möglichkeit können jedoch diejenigen, die schnelleres Lesen am dringendsten benötigen,
kaum nutzen: regelmäßig sehr viel lesen, ohne Hast und mit Genuß. Dies kann bewirken, daß, automatisch, Klangfolgen
kombiniert, wie ein Wort gelesen werden: "Der-kompetente-Berater" - "steht-dem-Mandanten" -
"in-dem-Bereich-der" - "Investitions-Planungen" - "zur Verfügung". Bis zu vier Wörter können derart
verknüpft werden. Mehr passen, bei üblichem Druckbild, nicht in einen Leseblick. Doch dieser Mechanismus wirkt nur,
wenn er automatisch geschieht, mit dem Willen würde dies nicht gelingen.
Unwillkürlich und richtig
Auch das Verstehen von Text ist nicht dem Willen unterworfen. Daß der Leser versteht, vermag er
nicht zu erzwingen. Daß er versteht und behält, geschieht. Oder es geschieht nicht. Dann muß er noch
einmal dasselbe lesen. Lesen als Funktion, und auch das Verstehen und Behalten, sind unwillkürlich
ablaufende Prozesse.
Tempo durch Thetawellen?
Wer sein Lesen an speziellen Übungstexten trainiert, wird, nach fleißigem
Mehrfachlesen, diese immer schneller lesen. Daß es auch dem sonstigen Lesen nützt, ist wenig wahrscheinlich.
Sogar stören können das berufliche Lesen maschinelle Versuche, den Sehorganen Beine zu machen. (...) Auch die
'Fabrikation' »weicher Augen« oder ein »Blitzsehen« nützt beruflichem Lesen nichts.
Ebenfalls nicht geeignet sind Ansätze, die im »Alphazustand« oder sonstigen Geisteszuständen Areale des Hirns
gesondert aktivieren sollen. Zu erreichen wäre dies, wird behauptet, mittels der Produktion von
»Alphawellen«, die an der Schwelle des Schlafs in der Hirnstromkurve gemessen werden können, oder,
so die neueste Idee, durch das Herstellen von »Thetawellen«, die, zeigen sich jene im Elektroencephalogramm,
als Anzeichen von Krankheit zu werten sind. - Und wäre denn Lesen, Denken und Arbeiten in Trance praktikabel?
Methodenprüfung
Seit den 50er Jahren werden Trainingskonzepte zum Flächenlesen angewandt, die bis zu
hundertfach höhere Lesegeschwindigkeiten versprechen. Namen sind unter anderem Alphalesen,
Photoreading und Powerreading, Schnell-Lesen, Speedreading und Dynamisches Lesen.
Doch jede Methode ist gründlich zu prüfen:
-
Liefert sie dem herkömmlichen Lesen vergleichbare Ergebnisse?
-
Wird sie an Berufslektüre eingeübt oder nur an speziellen
Übungstexten oder Maschinen erprobt?
-
Bleibt die Kulturtechnik Lesen mit ihrem Genuß störungsfrei
daneben erhalten?
-
Ist die Methode jederzeit einsetzbar und
sogleich wieder abzuschalten?
Die wichtigste Testfrage lautet:
-
Sind zumindest allgemein bekannte physiologische Gegebenheiten berücksichtigt?
Schnell-Lesen • das Turbo-Lesen
Die Grenze für genaues »Mitsprech-Lesen« liegt bei etwa 1.000 Wörtern pro Minute
Aufnahmegeschwindigkeit. Die Grenze für genaues Schnell-Lesen, Turbo-Lesen ist bei etwa dem Zehnfachen erreicht,
bei 10.000 Wörtern pro Minute, was zirka dem Vierzigfachen des »Naturtempos« entspricht.
Dabei wird lediglich verwendet, was ohnedies vorhanden ist: Der Mensch kann so schnell lesen,
wie er gucken kann. (...)
Kurzum
Wer sich durch Texte hetzt, liest langsamer. Durch solche und andere nicht geeignete
Versuche laufen selbst erfahrene Leser Gefahr, Lesestörungen zu erleiden. Schnelles Lesen braucht
ein sicheres Lesegefühl, das mit regelmäßigem Vorlesen gepflegt werden kann. Zudem läßt langsames
Vorlesen auch das stille Lesen schneller werden. Und auch für Lesen gilt: Übung macht den
Meister; das Lesetempo kann bis auf das Vierfache steigen. Das Schnell-Lesen, das Turbo-Lesen, das in einem
intensiven Einzeltraining erlernt wird, bewirkt eine 10- bis 40-fache Aufnahmegeschwindigkeit für
berufliches Lesen auch anspruchsvoller Fachtexte.
Die Autoren: Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann lehren das Schnell-Lesen
in Windeck (Sieg). Zu dem Thema »Persönliches Lesemanagement« veranstalten
sie Gruppenberatungen und Einzelberatungen.